Wandern auf dem Westweg
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Wandern im Schwarzwald

Der Westweg von Unterstmatt nach Hausach

Ich war schon lange nicht mehr wandern, das Wetter war einfach nicht gut genug gewesen und meine üblichen Mitwanderer sind wasserscheu, mit promovieren beschäftigt oder in Kalifornien. Da ich aber drinnen langsam unruhig wurde, hab ich mich alleine auf den Weg gemacht. Ein Wochenende lang - die Arbeit läßt mich im Moment leider nicht länger weg. Also 2 Tagesetappen. Im letzten Jahr war ich schon ein paar Stücke des Westweges gewandert, und das wäre doch eine gute Gelegenheit, das fortzusetzen. Die nächsten beiden Etappen gehen von Unterstmatt (weil ich bei der letzten geschummelt habe und nicht ganz bis Mummelsee gekommen bin) zur Alexanderschanze und am nächsten Tag bis Hausach. Das sind insgesamt 60 km. Uups. Natürlich kommt sowas wie übernachten in einer Jugendherberge nicht in Frage, wenn schon Tour, dann aber richtig. Also müssen außer Verpflegung auch noch Schlaf- und Biwaksack und Isomatte mit. Gewogen hab ich den Rucksack diesmal nicht, aber er war schwerer, als für 30-km-Etappen gut ist, das steht mal fest. Aber egal.

Morgens um 8 geht's aus dem Haus und mit Bahn und Bus bin ich um 10 in Unterstmatt. Der Busfahrer tröstet mich, das bei solchem Wetter wenigstens nicht so viele andere Leute unterwegs sind. Außerdem weist er daraufhin, daß es immer in Unterstmatt am meisten regnen würde und überall anders besser sei, es könne also auch jetzt unterwegs nur besser werden. Der Nebel läßt die Farben irgendwie intensiver erscheinen, heute vor allem das Grün der Pflanzen und das Lila der Fingerhut-Blüten, die in Mengen zu sehen sind. Trotz des Regens, hab ja einen Poncho, macht's Spaß. Bergauf zur Hornisgrinde. Vor mir ist doch noch jemand auf dem Weg, mit einem Regenschirm - der wird bei dem Wind weiter oben keinen Spaß haben.

Es regnet immer noch. Plötzlich ein Warnschild und ein Blinklicht mitten in der Gegend - was das wohl heißt? Nach einigem Umschauen taucht aus dem Nebel das zugehörige Hinweisschild auf: Gefahr von "Eisabfall" vom Sendemast auf dem Gipfel, der Weg ist gesperrt und man soll einen Umweg benutzen. Wenn die das sagen - ich seh den blöden Turm noch nicht mal. Der Umweg führt durch hohes nasses Gras und außerdem regnet es weiterhin, das bekommt meinen nicht eingefetteten Schuhen nicht gut - es wird feucht innen. Hmpf. Außerdem finde ich den richtigen Weg nicht sofort wieder und muß erst mal ein Stück auf der Straße laufen. Dann bin ich am Mummelsee und gerate mitten hinein in einen Haufen Bus-Touristen, die sich offenbar vom Dauerregen nicht abschrecken lassen. Allerdings gehen sie ja auch nur den kleinen Rundweg einmal um den See, dürften so 200m sein. Ein Kunstpfad - alle paar Meter stehen irgendwelche merkwürdigen Dinger in der Gegend herum, die Kunstwerke sein sollen. Interessanter ist es da schon, daß man beim Blick auf's Wasser den Übergang zwischen Nebel und Wasseroberfläche nicht erkennen kann - man könnte glatt in den See reinlaufen, ohne es zu sehen. Noch nicht mal die Regentropfen sieht man auf der Wasseroberfläche.

Zum Glück bleiben die Touristen am See, und ich gehe weiter. Seibelseckle heißt die nächste Station, keine außergewöhnlichen Vorkommnisse außer daß der Regen aufgehört hat, der Nebel ist aber noch da. Erst auf dem Weg zum Seekopf reißen auch die Wolken auf und man hat eine schöne Aussicht ins Tal. Hier sind mehr Leute unterwegs.

Die Wegweiser fangen an, etwas wirr anzuzeigen, mal sind es noch 3, mal nur 2km bis zum Ruhestein. Der Weg ist teilweise etwas uneben und explizit nur für Geübte empfohlen. Er führt quer durch ein Stück Bannwald.

Jetzt ist erst mal Zeit für eine Mittagspause. Eine Bank am Aussichtspunkt mit einem wunderschönen Blick auf den Wildsee tief unter einem scheint mir geeignet. Ein bischen zu hastig öffne ich die Gurte meines Rucksacks, denn daran waren mein Hut und meine Wanderkarte befestigt, und die liegen jetzt in der großen Pfütze vor der Bank. Aber die Sonne scheint ein bißchen und trocknet beides wieder. Trockene Strümpfe muß ich mir selber anziehen, aber davon hab ich zum Glück reichlich. Die Bank hat bloß den Nachteil, daß sie in Mittagsspaziergangs-Reichweite von irgendwas Belebtem liegt, so das ständig Leute vorbeikommen.

Das Naturschutzzentrum Ruhestein liegt ein ganzes Stück weiter unten, aber ich nehm natürlich nicht den Sessellift, sondern die Serpentinen nebendran - wenn schon Westweg, dann richtig. Auf der anderen Seite geht's gleich wieder hoch zum Schliffkopf. Schnauf. Die Landschaft hat sich von Nadelwald zu Hochmoor mit einzelnen Bäumen gewandelt, und es riecht typisch moorig-feucht-warm. Am Schliffkopf gibt's mal wieder ein Hotel und eine entsprechende Menschen-Konzentration, danach wird's wieder ruhiger. Die Sonne scheint jetzt richtig und ich fange an, zu schwitzen. Auf dem Weg nach Zuflucht treffe ich ein älteres Ehepaar, das den ganzen Weg auf einmal marschiert - sie kommen von Pforzheim (allerdings nicht heute) und gehen nach Basel (allerdings auch nicht mehr heute). Die beiden haben genauso große Rucksäcke wie ich und sind trotzdem schneller. Meine Füße stimmen mir zu, daß ein langsames Angewöhnen statt einer Hammertour vielleicht nicht schlecht gewesen wäre... es ist meine erste richtige Wanderung dieses Jahr. In Zuflucht gibt's eeine Nachmittags/Abendessenspause und eine Bushaltestelle. Aber die zu benutzen wäre ja unsportlich. Und hier übernachten kommt auch nicht in Frage, immerhin bin ich erst 25 kn gelaufen und das würde bedeuten, daß ich dann morgen 35 machen müßte - keine gute Idee. Also weiter zur Alexanderschanze (28 km - viel mehr als Kilometer-zählen ist jetzt nicht mehr drin) und noch 4 km weiter bis kurz hinter die Hildahütte. Mehr als die Hälfte geschafft, Pause verdient. Erst mal Schuhe aus und dann überlegen, wo's ein genügend großes, flaches, trockenes Plätzchen für eine Isomatte gibt. Ein grasbewachsener Seitenweg scheint geeignet, bis ich die großen Pfützen in den Fahrrinnen sehe - da möchte ich nachts lieber nicht rein rollen. Aber am Wegrand gibt es eine schöne Stelle, mit Nadeln bedeckt, einschließlich Huckeln und Dellen an den richtigen Stellen (was sich reimt, ist gut) für Taille, Hüfte und Kopf. Nur ein Problem gibt es, beziehungsweise zwei Umstände, die, wenn sie gemeinsam auftreten, ein Problem werden: Mücken und Hitze. Wenn es kalt wäre, könnte man in den Schlafsack kriechen und sich vor den Mücken in Sicherheit bringen. Und wenn es keine Mücken gäbe, könnte man den Schlafsack aufmachen oder ganz beiseite lassen. So aber wechsele ich ab zwischen "Schlafsack öffnen und wild herumfuchteln, um die Mücken abzuschrecken" und "Schlafsack zu, einnicken und wegen akuter Erstickungs- und Überhitzungsgefahr wieder hochschrecken". Den Biwaksack hätte ich mir ganz sparen können. Auch auf die Gefahr hin, bei einem nächtlichen Regenschauer den wertvollen Daunenschlafsack zu ruinieren, muß ich aus dem Biwaksack raus, denn das Schwitzbad bekommt dem Schlafsack wahrscheinlich auch nicht.

Als ich am nächsten Morgen um halb acht auf die Uhr schaue, wundere ich mich in der Tat, daß erstens, es überhaupt schon halb acht ist, und zweitens, ich sehr ausgeschlafen bin. Die Sonne scheint schon zwischen den Bäumen hindurch, der Himmel ist blau und die Mücken auch schon wach. Irgendwann nachts müssen sie auch geschlafen haben, denn anders ist nicht zu erklären, daß es noch unzerstochene Bereiche auf meiner Haut gibt. Zum Frühstück gibt's Müsliriegel und Banane.

Ab halb neun bin ich dann wieder auf den Beinen. Finden meine Füße nicht sehr lustig. Der Weg ist uneben und geht über große Felsblöcke. Die Landschaft ist schön - ich scheine mir wirklich den einzigen feuchten, waldigen Fleck weit und breit für meine Übernachtung ausgesucht zu haben, denn der Baumbestand wird bald wieder lockerer. Wie die Wegpunkte jetzt heißen, ist mir eigentlich egal, nur die Entfernungsangaben auf den Wegweisern zum nächsten Bahnhof interessieren mich. Hausach ist noch 18km entfernt.

Am Harkhof, einem Bauernhof mit Wirtschaft, gibt's ein Eis und eine große Flasche Lustigwasser zur Wiederbelebung. Hält auch ungefähr die ersten 3 Schritte lang an. Das sind dann erst mal meine letzten Schritte auf dem Westweg, denn ab hier geht's auf direktem Weg zum Bahnhof in Unterdingsbumstal nur 5 km. Zumindest ist das der Plan. Die Seitenwege sind aber nicht so konsequent und deutlich beschildert wie der Westweg selber, und bald weiß ich trotz GPS nicht mehr, wo ich eigentlich bin, und es gibt weit und breit keinen Weg, der annähernd in die Richtung führen würde, in die ich will. Aber zum Glück habe ich ja von Frank ein Allround-Thermometer-Kompaß-Lineal bekommen, und hab's sogar eingepackt, und mit dessen Hilfe (Lineal) und dem GPS finde ich auf der Karte meine Position - eine Parallelstraße zu der, wo ich hätte sein sollen, und 2km Umweg, aber immerhin ist jetzt klar, wo's lang geht.

Beim Endspurt auf der Landstraße werd ich wohl zum hundertsten Mal gefragt, ob ich denn keine Angst hätte vor "Räubern" - da muß ich an die Zeichnung von Mordillo denken, in der ein Räuber mit einer Keule am Ende eines riesigen Labyrinthes auf ein Opfer wartet.

Und die Schwarzwaldverein-Schilder-Aufsteller erlauben sich noch einen letzten Scherz - während ich dem "2km bis zum Bahnhof"-Schild folge, übersehe ich beinahe den Bahnhof direkt neben dem Weg. 50km. Hinsetzen. Schuhe aus. Im Tower anrufen, wie man von hier aus überhaupt wieder nach Hause kommt. 3x umsteigen, aber das schaffe ich jetzt auch noch. Ein paar Stunden später bin ich tatsächlich wieder da und habe keine Einwände, daß mir jemand den Rucksack abnimmt und die Treppe hochträgt. Fazit: war eine schöne Tour, würde ich sofort wieder machen. Nächstes Mal komme ich bis Hausach.

GoogleEarth Wegpunkt File Offizelle Seite des Europäischen Fernwanderweges E1 - Abschnitt Schwarzwald