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Griechenland 2004 — Πινδoς und Oλυμπoς

Anreise — Dienstag, der 8. Juni 2004

Wir — Physi, Vincent und Ute — treffen uns um viertel vor neun auf dem Flughafen Stuttgart. Interessant, daß alle fast gleichzeitig losgefahren sind aus Untergrombach, Heidelberg, und Schwieberdingen und auch gleichzeitig hier eintreffen — es lebe der stuttgarter ÖPNV.

Der Flug nach Θεσσαλoνικη verläuft ereignislos, außer daß die Passagiere bei der Landung alle anfangen, zu klatschen — Touristen eben und keine Geschäftsreisenden. Die Bushaltestelle am Flughafen Θεσσαλoνικη ist direkt vor dem Gebäude, und während wir auf den Bus warten, wird zunächst das GPS getestet, es scheint zu funktionieren. Die Busfahrt vom Flughafen quer durch die Stadt zum Fernbusbahnhof dauert fast eine Stunde, der Bus ist ziemlich voll und nicht klimatisiert. Da ist es gut, daß wir dann noch eine halbe Stunde Zeit haben, um uns mit Cola (Ute) und Chips (für Vincent) zu versorgen.

Der Fernreisebus nach Iωαννινα ist klimatisiert. Die Fahrt dauert 6 Stunden und geht über Λαρισα. In Kαλαμβακα bei den Mετεoρα-Klöstern gibt es eine kurze Pause, die gerade ausreicht, um einen warmen Blätterteigfladen mit Käse zu futtern. Der Busfahrer, der auf der Autobahn noch sehr zivilisiert fuhr, überholt in den Serpentinen die langsameren LKWs. Es geht über einen Paß, von dem aus man den Quellsee des Aωoς sehen können müßte, und dann sind wir mitten im Πινδoς-Gebirge. Das GPS funktioiert auch im Bus und zeigt die wahnwitzige Geschwindigkeit von 80 km/h an.

In Iωαννινα kommen wir um 21.40 Uhr an und finden recht schnell das Hotel Paris, denn Felix hat aus dem Lonely Planet den entsprechenden Teil des Stadplans (zwischen Busbahnhof und Hotel) abgezeichnet. Es ist ein Budget-Hotel und wird als sauber beschrieben, abgesehen davon, daß die Klospülung in der Damentoilette nur nach gutem Zureden funktioniert. Wir zahlen 35 Euro für ein Dreibettzimmer.

Natürlich wollen wir ein zünftiges griechisches Abendessen, am Besten einen Salat. Damit wir den Rückweg finden, markieren wir per GPS die Position des Hotels und machen uns dann munter auf den Weg Richtung Innenstadt. Da gibt es allerhand Läden und massenhaft Tραπεζαs, aber kein einziges gemütliches und günstiges Restaurant. Nachdem wir in einem Take-Away jeder einen Γυρoς-Πιτα bestellt und auf einer Bank nebendran verzehrt haben (unterbrochen von einer Kakerlake und einem großen Viech in Utes Haaren), wollen wir noch einen Blick auf die historische Altstadt werfen. Die sieht bei Nacht nicht besonders einladend und belebt aus. Also machen wir uns — GPS-gesteuert — auf den Rückweg. Und siehe da, rasch erreichen wir den See, den wir schon auf der Hinfahrt vom Bus aus betrachten konnten und an den wir eigentlich sowieso wollten, den wir aber nicht finden konnten. Außerdem gibt's da jede Menge interessant aussehender Restaurants, wenn auch alles sehr touristisch. Schade, daß wir schon gegessen haben. Und schade auch, daß das GPS behauptet, das Hotel liege ungefähr 150 m vor der Küste des Sees im Wasser ... Also wird das manuelle Navigationssystem angeschaltet: Physi und Vincent gemeinsam schaffen es, sich an unseren Her-Weg zu erinnern und by backtracking erreichen wir sicher wieder unser Hotel. 2 Minuten vor Mitternacht sind wir schließlich in der Falle.

Weiterreise und erster Wandertag — Mittwoch, 9. Juni

Abgesehen von einer Mücke, die Physi und Vincent veranlaßt, ihre Autan-Flaschen auszupacken, verläuft die Nacht ungestört und wir machen uns am nächsten Morgen auf, unsere Vorräte zu ergänzen und Frühstück zu besorgen. Im Supermarkt finden wir auch auf Anhieb Gaskartuschen in allen Formen und Farben — nur schade, daß wir einen Benzinkocher haben, denn Benzin gibt es hier nicht. Gegenüber im Rasenmäher-Laden allerdings füllt uns der Besitzer unsere Benzinflasche ganz umsonst, obwohl wir einige Überzeugungskunst aufbringen mußten, um ihm dazu zu bringen, zu glauben, daß wir tatsächlich ganz normales Benzin haben wollen. Das Frühstück besorgen wir in einer Bäckerei, wo jeder von uns einzeln ein Schokocroissant bestellt (bzw. ein Nutella-bestrichenes normales Croissant).

Um 10.30 Uhr geht's mit dem Bus weiter nach Koνιτσα, wo wir gegen 12.30 Uhr eintreffen. Unser Versuch, sicherzustellen, daß am Sonntag von Moνoδενδρι aus ein Bus zurück nach Iωαννινα fährt, schlägt fehl, obwohl ein englischsprachiger Busgesellschafts-Mitarbeiter und zwei ältere ehemalige deutsche Gastarbeiter uns helfen wollen — weil sie nicht kapieren, daß wir nicht von Koνιτσα, sondern von Moνoδενδρι aus zurück nach Iωαννινα wollen und zu Fuß von Koνιτσα nach Moνoδενδρι.

Naja, macht nix, wir marschieren los, nachdem wir Koνιτσα per GPS markiert haben. Auf der alten Steinbrücke (eine von der Sorte, für die diese Gegend so bekannt ist), die gleich hinter dem Dorf den Aωoς überquert, machen wir das erste mal Rast — das Ende der Zivilisation wird eingeläutet, indem die Hüllen (T-Shirts, Hemden, Hosenbeine) fallen. Entlang des Flusses marschieren wir in die Aωoς -Schlucht und zum Kloster Στoμιo. An einem Trinkwasserbrunnen vor dem Tor zum Klostergelände machen wir ausgiebig Rast und kühlen uns ab, indem wir die Köpfe ins Wasser halten und die T-Shirts auch gleich. Das Kloster-eigene Maultier (oder was immer es ist) frißt mit Genuß eine der Möhren, obwohl Vincent sie als arm an Vitaminen, Kohlenhydraten und Eiweißen und deswegen als nahrungstechnisch wertlos bezeichnet (aber trotzdem ißt). Das Kloster liegt auf ca. 700 m Höhe, Koνιτσα auf etwa 400.

Weiter geht's, nicht mehr am Aωoς entlang, sondern ziemlich steil und auf allem Vieren den Hang rauf (wo der Weg ist, den wir statt dessen eigentlich hätten nehmen sollen, wissen wohl nur die Götter, die aber heute wohl gerade auf dem Oλυμπoς sind und nicht im Πινδoς). An einem Wildbach rasten wir erneut, und Vincent perfektioniert das Abkühlen, indem er sich mitsamt seiner Universal-Badehose mitten hinein legt. Wir befinden uns auf 900 m. Das GPS und das Lineal an Physis Kompaß lassen uns unsere Position auf der Karte so genau bestimmen, daß wir (auch wenn wir es nicht so schon gesehen hätten) feststellen können, daß der Weg genau an dieser Stelle den Bach überquert.

Während Vincent munter von hinten einen Vortrag darüber hält, daß man die Landschaft viel besser genießen kann, wenn man sich nicht bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit verausgabt, schnauft Ute mühsam hinter Felix den steilen Weg hinauf, bis wir schließlich an einem Paß ankommen. Nachdem wir die Rucksäcke ins Gras geworfen und etwas getrunken haben, machen wir einen kleinen Abstecher zu einem erhöhten Aussichtspunkt mit Felsblock zum Bouldern.

Der von Felix versprochene mehr oder weniger Höhenlinien-parallele Weg führt uns dann von 1.300 m auf 1.450 m und zu einer Bergwiese, die einen See (bzw. einen künstlichen Tümpel, der als Viehtränke dient und ziemlich unappetitlich aussieht) und einen Haufen Disteln und Fliegen für uns bereit hält, aber trotzdem für diese Nacht unser Zeltplatz sein wird. Die Frage, ob wir heute noch 400 m weiter aufsteigen und 200 wieder absteigen wollten, um noch einen anderen See zu erreichen, wurde sehr schnell abgelehnt. Nach einigem guten Zureden (und ohne daß jemandem was weggebrutzelt worden wäre) kriegen wir den Benzinkocher in Gang und kochen Chicken Curry zum Abendessen. Während das köchelt, bauen wir schon mal die Zelte auf, um den dunklen Wolken und dem möglichen Berggewitter vorzubeugen (das dann allerdings ausbleibt). Nach dem Essen machen sich Felix und Vincent auf die Suche nach dem weiteren Weg, den wir morgen nehmen wollen. Wegen der Fliegen verkrümeln wir uns recht schnell in die Zelte. Das GPS bescheinigt uns, eine Strecke von 12,3 km zurückgelegt zu haben.

Der Kαμηλα — Donnerstag, 10. Juni

Zum Frühstück gibt es keinen Tee, weil niemand die mit Viehtränken-Wasser ausgewaschenen Töpfen benutzen möchte, abgekocht oder nicht. Dafür gibt es kalten Zitronentee und Haferflocken mit Rosinen und wasserlöslichem Kakao (Vincent und Physi bevorzugen zarte Haferflocken, Vincent dabei natürlich nur die echten von Kölln, und Ute kernige). Noch bevor die Sonne unseren Zeltplatz erreicht hat, haben wir ihn schon wieder verlassen. Der Weg, oder was danach aussieht, führt steil das Tal hinauf. Mit den hoch beladenen Rucksäcken bleiben wir oft in den niedrigen Zweigen hängen, besonders Ute, die — obwohl die kleinste — ihren Rucksack am höchsten, und wie sich noch zeigen wird, auch mit sehr schlechter Gewichtsverteilung beladen hat.

Bald können wir aus 2.000 m Höhe auf die Viehtränke zurückblicken. Oberhalb der Baumgrenze (Ute hat sich kurz vorher noch einen Wanderstock organisiert) ist der Weg als solcher praktisch nicht mehr zu erkennen und führt über Geröll- und Schneefelder den steep gully hinauf, wie auf der Karte eingezeichnet. Nur daß die Sache in Wirklichkeit noch ein bißchen steiler ist als sie auf der Karte aussieht. Während Physi souverän voranmarschiert, klettert Ute schwankend hinterher und Vincent, zum Glück als letzter, löst durch losgetretene Steine bisweilen kleine Geröllrutsche aus. Das große Schneefeld war auf der Karte auch nicht eingezeichnet. Und es kommt, wie es kommen mußte: ungefähr auf halber Strecke in dem Schneefeld rutscht Ute aus und — Zeugenaussagen zufolge in Zeitlupe, aber subjektiv auf alle Fälle viel zu schnell — das Schneefeld wieder hinunter. Alle Versuche, sich mit Händen, Füßen oder dem Stock abzubremsen oder festzuhalten, schlagen fehl. Die Aussicht, knapp zwei Meter an einem rettenden Felsblock vorbei zu rutschen, sich sämtliche Knochen zu brechen und dann auch noch alles nochmal hoch laufen zu dürfen, bringt Ute ziemlich aus der Fassung, und es ist nur Vincents raschem Zugreifen zu verdanken, daß es so weit nicht kommt! Vincent hatte von weiter unten in Ruhe beobachtet, ob Ute von selber wieder anhält, und dann sich einen festen Stehplatz gesucht, um sie aufzuhalten. Hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken liegt Ute im Schnee, bei jeder Bewegung rutscht sie ein Stückchen weiter, und Felix ruft von oben: ``Dann halt sie doch mal fest, verdammt noch mal!'' – Tut Vincent ja zum Glück auch, und als Ute den Rucksack abgesetzt hat, kann sie sich aufrappeln und zu Felix auf den Felsblock klettern (der allerdings mit Felix und seinem Rucksack schon so gut wie voll ist).

Nachdem Vincent ebenfalls den Felsblock erreicht hat, Felix mit Utes Rucksack zurückgekehrt ist, Ute sich halbwegs beruhigt hat und das hinderliche Zelt von Utes auf Felix' Rucksack umgeladen wurde, machen wir uns wieder auf den Weg, wobei zunächst nur noch ein kleines Stück Schneefeld zu überqueren ist. Eine Kletterpartie entlang der Felswand am Rande des Schneefeldes ist doch wesentlich angenehmer als eine Schneefeld-Überquerung, denkt sich Ute, während Vincent und Felix die Sache ganz andern sehen. Der weitere Aufstieg wird daher getrennt zurückgelegt: Ute trennt sich von ihrem Rucksack und von Felix und Vincent, denn keine zehn Pferde (und Vincent und Felix auch nicht) können sie überzeugen, nochmals dieses hinterhältige Gelände zu betreten. Nachdem Felix sogar 2x gegangen ist, um Utes Rucksack zu holen, haben schließlich alle wohlbehalten den Kαρτερoς-Paß erreicht. Von oben zurückblickend, läßt sich nur eins mit Sicherheit sagen: von dieser Seite aus kommend, hätte keiner von uns versucht, da runterzugehen! Dementsprechend kriegt die Stelle im GPS ein Totenkopf-Icon. Die Rast — wohlweislich nicht in Sichtweite des Abgrundes gemacht — haben sich alle redlich verdient. Es werden Käsebrote mit Senf gegessen und Schnee geschmolzen und gefiltert. Da der Schnee, den wir am Vormittag in eine Flasche gestopft hatten, bisher noch nicht mal zur Hälfte geschmolzen ist, nehmen wir den Kocher zu Hilfe, der nach eingehendem Studium der Betriebsanleitung durch Vincent auch relativ flott anspringt. Noch herrscht allgemeine Übereinstimmung darüber, daß Schnee nicht anbrennen kann.

Gamila

Nach der Pause geht es ganz gemütlich zum Gipfel des Kαμηλα, es liegt nur ein kleineres Schneefeld auf dem Weg. Von dieser, der Aωoς-Schlucht abgewandten Seite, sieht er ganz harmlos aus, eine leicht ansteigende Bergwiese eben. Kurz unterhalb des Gipfels lassen wir unsere Rucksäcke an einer Quelle auf der Wiese stehen und markieren die Position mit dem GPS. Mit nur einer Flasche Wasser und einer Tafel Schokolade und natürlich der Japanerausrüstung bewaffnet erreichen wir rasch den Gipfel. Die Aussicht ist grandios, man kann alle Stationen unserer bisherigen Reise sehen: Koνιτσα, das Kloster Στoμιo, die Viehtränke (wenn es einem nichts ausmacht, sich über den Abgrund zu beugen, wo es 1.000 m senkrecht runtergeht). Vom Kαμηλα aus kann man gut den Gipfel des Aστρακα sehen, der auch nach einem lohnenden Ziel aussieht, aber der nicht ganz auf unserem Weg liegt.

Der Rückweg erfolgt, ganz im Gegensatz zur Bergsteiger-Tradition, die Serpentinen vorschreibt, GPS-gesteuert und in direkter Luftlinie zu den Rucksäcken, das GPS sagt sogar die Ankunftszeit voraus, die wir natürlich mit Leichtigkeit unterbieten. Der Sand im Quellwasser stört keinen, und sogar Vincents Pfirsich-Mineraltabletten kriegen damit einen Geschmack, der sich positiv von dem WC-Stein-Aroma, das mit dem Wasser von der Quelle beim Kloster erreicht wurde, abhebt.

Ein gemütlicher Fußmarsch über blumenbestandene Hochwiesen und ein paar Geröllfelder führt uns zu unserem nächsten Zeltplatz, wo wir inmitten von Krokussen in einem fast leeren Bachbett unsere Zelte aufbauen und Spaghetti mit Tomatensoße und Cambozola-Brote essen (man achte darauf, das Brot nicht mit dem Käse-Messer zu schneiden, da sonst die Schimmelpilze auf das Brot übergreifen könnten). Eine Gemse schaut vom Rand einer Felswand zu uns herunter. Entgegen unseren Erwartungen wird die Nacht auf 2.000 m nicht kälter als die vorige (und nein, es gibt keinen Wolkenbruch, der den Bach mit Hochwasser füllen und unsere Zelte wegspülen könnte).

Schluchtgummibärchen — Freitag, der 11. Juni

Zum Frühstück begeben wir uns auf ein kleines Hochplateau über unserem Zeltplatz, wo schon die Sonne hin scheint, während unsere Zelte weiter unten noch im Schatten liegen. Grüner Tee, Haferflocken und Nutellabrote sind eine gute Vorbereitung auf den heutigen Tag. Wir schmelzen noch ein bißchen Schnee, und er brennt eben doch an! Der Topf sieht jedenfalls hinterher deutlich dunkler aus als vorher.

Über ein paar Hügel gelangen wir zum Poμπoζι-See, und was sehen wir? Einen japanischen Touristen, der die darum herum grasenden Kühe fotographiert! Seit zwei Tagen haben wir keinen Menschen gesehen, und der erste ist ein japanischer Tourist! Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, daß es wohl kein Japaner ist, aber ein Tourist auf alle Fälle. Hier in der Nähe beginnt die Mεγασλακoς-Schlucht, die größte Seitenschlucht der Bικoς-Schlucht. Dort nutzen wir die Quelle Kρoυνα, welche unter einer überhängenden Felswand im Schatten liegt, um genug Wasser zu filtern, um uns zu sättigen und die Flaschen zu füllen. Der Ausblick auf die Schlucht ist beeindruckend, aber es soll noch besser werden — Schluchtgummibärchen, jetzt noch schluchtiger!

Seitlich verlassen wir die Mεγασλακoς-Schlucht, marschieren durch ein paar Hügel und treffen dann am Beginn einer Schotterstraße an einer Viehtränke einen Jeep voller Griechen, die hier irgendwelche Küchenkräuter sammeln. Eine davon spricht sogar gut deutsch und ist angemessen beeindruckt, als wir erzählen, daß wir auch noch auf den Oλυμπoς wollen. Dies ist für die nächste Zeit das letzte Mal, wo wir einigermaßen genau wissen, wo wir sind und wo wir hinwollen, denn trotz GPS, Kompass und Karte ist einfach der weitere Straßenverlauf nicht so, wie er sein sollte, und der erwartete Fußweg ist nicht aufzufinden. Von dem Marsch entlang der Straße etwas erschöpft rasten wir unter einem Baum, kurz bevor die Schotterstraße auf eine Asphaltstraße trifft.

Der Umstand, daß ein monegassischer Arzt den Asphalt erfunden hat, um der Staubentwicklung auf Schotterstraßen und den damit verbundenen Atemwegserkrankungen vorzubeugen, tröstet uns auch nicht. Wir wählen die nächste Fußweg-Abzweigung. Der Weg wird allerdings gut bewacht: durch einen Bullen (den Ute in der Annahme, er (nicht sie!) sei eine Kuh, noch durch zurückmuhen provoziert) und durch ein Rudel Hirtenhunde, die laut kläffend und knurrend um uns herum laufen und durchaus nicht damit einverstanden sind, daß wir an ihrer Schafherde vorbei wollen. Erstaunlich, wie irrelevant plötzlich die Brennesseln am Wegrand werden ... Nach einem Stück querfeldein (nein, die Hunde haben uns nicht vom Weg abgebracht) sind wir schließlich wieder auf dem richtigen Weg, nämlich dem zum Aussichtspunkt Mβελoη über der Bικoς-Schlucht. Da steht man am Rand und kann 1.000 m in die Tiefe gucken, aber wenn man nicht wüßte, daß

es 1.000 m sind, würde man es kaum glauben. Weil kein Seil verfügbar ist, verzichtet Felix ausnahmsweise darauf, näher an den Rand oder sogar ein Stück runter zu klettern, obwohl die Felswände wirklich einladend aussehen (wenn man schwindelfrei ist und klettern kann).

Beloi

Ein Stück den Weg zurück und dann eine Schotterstraße lang wandern wir nach Bραδετo, einem Dorf, das hauptsächlich aus zerfallen Häusern besteht, aber auch einen Brunnen hat (sogar mit Wasserhahn) und wo drei alte Leute auf einem Hof unter einem Baum sizten. Von hier aus geht es runter über die Σκαλα Bραδετoυ . Diese Treppe wurde als Handelsweg gebaut, um zwei Dörfer auf verschiedenen Seiten einer Schlucht (einer Seitenschlucht des Bικoς , zum Glück) zu verbinden. Weil es nur eine Seitenschlucht ist, geht es nur von 1.330 m auf 1.155 runter und auf der anderen Seite wieder hoch nach Kαπησoβo. In Kαπησoβo erwarten wir einen Touristen-überlaufenen Ferienort, aber wir können schon froh sein, daß wir auf zwei Athener treffen, die Englisch sprechen und sich für uns bei den Eingeborenen nach einem Gästehaus erkundigen. Wir wollen eine Nacht lang die typisch griechische Bergdorf-Atmosphäre geniessen. Eine muntere ältere Dame hat eins und ist geschäftstüchtig genüg, uns zu dritt ein Zweibett-Zimmer für 70 Euro anzudrehen (nachdem sie erst versucht hat, Ute für 40 Euro extra unterzubringen). Während sie die Zimmer herrichtet, sehen wir uns im Dorf um. Wir sind eigentlich auf der Suche nach einem typisch griechischen Restaurant, aber in den typischen griechischen Bergdörfern scheint es solche nicht zu geben. Also trinken wir in dem Cafe Platea jeder nur ein Lustigwasser. Da der Wirt, Dimitri, nach Auskunft unserer Wirtin heute abend kein Abendessen anbietet, kocht unsere Wirtin für uns: Spaghetti, aber immerhin mit griechischem Salat und Feta. Wir genießen den Luxus einer eigenen Dusche auf dem Zimmer. Während des Essens unterhält uns die Wirtin mit ihren Reiseberichten aus Südamerika. Anschließend waschen wir noch unsere Wäsche (zumindest riecht sie hinterher nicht mehr nach Schweiß, sondern nach Rei, aber die Farbe bzw. die Verfärbungen haben sich nicht wesentlich verbessert). Das traditionell und fast schon kitschig eingerichtete Zimmer wird entweiht, indem wir mitten durch Vincents Allzweck-Wäscheleine spannen. Trotz des geöffneten Fensters bleibt die Nacht mückenfrei und die Wäsche feucht ...

Skala Vradeto

In der Bικoς -Schlucht — 12. Juni

Das Frühstück besteht nur aus 2 Scheiben Weißbrot, selbstgemachter Marmelade und Kaffee, weshalb Vincent kurz nach dem Aufbruch einen seiner Astronauten-Riegel verzehrt. Die feuchte Wäsche wird angezogen oder zum trocknen außen an die Rucksäcke gehängt, was sich auf dem zugewachsenen Weg aber als ungünstig und dem gewaschenen Zustand nicht förderlich erweist. Apropos überwachsen: die Wirtin hatte uns bereits darauf hingewiesen, daß der direkt hinunter in die Bικoς-Schlucht führende Weg zugewachsen sei und daß wir über Koυκoυλι gehen sollten, aber wir hatten gelacht und "no problem" gesagt. Bevor wir aus dem Dorf raus sind, versperrt auch schon ein Gitter den Weg, das aber von einem freundlichen Einwohner, der mal Gastarbeiter in Wuppertal war, geöffnet wird. Der Weg danach wird offensichtlich als Misthaufen und Jauchegrube benutzt. Der Weg ist er zwar mit roten Punkten markiert, die Punkte aber so weit voneinander entfernt, daß wir mehr als einmal wieder zurück zum letzten Punkt laufen müssen, um den Weg wiederzufinden. ``Laufen'' ist übrigens zuviel gesagt, es ist mehr ein ``sich-durchs-Gebüsch-winden''. Richtig schwierig wird es erst, als auf den Felsen rote Flechten wachsen, die ungefähr den gleichen Farbton haben wie die Wegmarkierungen. Schließlich hat auch noch ein Geröll-Rutsch einen Teil des Hanges getroffen und sämtliche Markierungen verdeckt. Aber da sind wir auch schon fast unten, und als erstes nehmen wir natürlich ein Bad im Boιδoματης, dem Fluß, der durch die Bικoς-Schlucht fließt. Das Wasser ist kalt, aber man kann sich ja zum Trocknen in die Sonne legen.

Da der Weg laut Karte am linken Ufer weiter geht, balancieren Physi und Ute, die Schuhe in der Hand oder um den Hals gehängt, ihre Rucksäcke über den reissenden Gebirgsfluß und haben es gerade geschafft, als Vincent vom anderen Ufer aus verkündet, es sähe aber auf seinem, dem rechten Ufer, eher nach Weg aus. Also wieder zurück ... Verglichen mit dem Abstieg in die Schlucht ist der Weg jetzt sehr gut begehbar und wir marschieren eine ganze Weile, bis wir wieder so durchgeschwitzt sind, daß wir uns gleich mit Hemd (Ute) und Hose (Physi) ins Wasser stürzen — wenn man noch schwitzt, kommt es einem nicht so kalt vor. Für die Mittagspause suchen wir uns noch ein schöneres Plätzchen, denn hier gibt es überall Bremsen, von denen wir uns nicht unbedingt stechen lassen wollen. Und um während des ganzen Essens bis zum Hals im Wasser zu sitzen, ist es dann doch ein bißchen zu kalt. Ein Stück flußabwärts setzen wir uns auf ein paar große Felsblöcke im Fluß. Vincent stellt fest, daß seine Wurst verschimmelt ist, aber damit haben wir wenigstens eine neue Mülltüte (nachdem wir die letzte in Bραδετo entsorgt haben). Physi ergänzt den Inhalt dann kreativ, indem er beim Zurück-ans-Ufer-Klettern sein Brot ins Wasser fallen läßt, und natürlich kann man sowas im Nationalpark nicht einfach weiterschwimmen lassen. Dafür darf er als erster die Tüte tragen: ``Es riecht von rechts nach Wurst''. Es ist übrigens recht schwierig, sein Hinterteil im Fluß zu waschen, ohne die Füße naß zu machen.

Beim Essen werden wir vom Ufer aus von einer Kuh beobachtet --- überhaupt sind die Wege hier voller Kuhfladen, obwohl sich keiner von uns erklären kann, wie die Viecher (die Kühe, nicht die Fladen) die steilen Pfade lang kommen. Inzwischen geht der Weg tatsächlich auf der linken Flußseite weiter. Schon fast am Ende der Schlucht erreichen wir die Quellen Πηγες Boιδoματης , an denen der angeblich schon vor einigen Kilometern versickerte Fluß wieder an die Oberfläche kommt. Da der Fluß aber nicht versickert war, ist es nur ein recht interessantes Bade-Erlebnis, oberhalb der Quellen hineinzugehen (mehr oder weniger warmes Wasser) und sich ein Stück runtertreiben zu lassen, 9 Grad – das ist kalt!

Hier soll es eine Weg-Abzweigung zu einer Kapelle geben, die aber unauffindbar ist, statt dessen erreichen wir nur einen Felsüberhang, der offenbar oft von Kühen frequentiert wird. Wir wechseln daher, dem Weg nach Παπιγκo folgend, auf das andere Flußufer, füllen an den Quellen unsere Wasserflaschen wieder auf und steigen 300 m auf, den Rand der Schlucht hinauf und in eine Seitenschlucht hinein. Da ebene (nicht-schräge) Zeltplätze hier am Schluchtrand Mangelware sind, geben wir uns mit einem kleinen Felsplateau unter einem Überhang zufrieden, das noch von der Abendsonne beschienen wird. Es liegt sehr exponiert, von dem Dorf Bικoς und von einem Aussichtspunkt am gegenüberliegenden Schluchtrand gut zu sehen, aber wer spaziert schon so spät noch hier herum? Das Abendessen besteht aus Gemüserisotto und ist sehr lecker und auch nur leicht angebrannt, im Gegensatz zu dem Schnee von neulich.

Gegen etwaige Moskitos und anderes Ungeziefer bauen wir – sehr weise, wie sich zeigen wird – unsere Innenzelte auf, und damit man das helle Gewebe nicht so weit leuchten sieht, die Überzelte drüber. Durch die darunterliegenden aufgeheizten Felsen die perfekte Sauna. Mit Hilfe von vorher zurechtgelegten Steinen gelingt es sogar, auf den Felsen einigermaßen bequeme Schlafplätze einzurichten. Während Physis Zelt ohne Heringe prima steht, mußten bei Utes Zelt die Heringe in Grasbüscheln und Felsspalten befestigt werden, aber es steht auch (soweit man das von einem Zelt, dessen eine Hälfte zusammengekrumpelt an der Felswand liegt, weil nur für die halbe Breite Platz ist, sagen kann).

Die halbe Macchia — Sonntag, 13. Juni

Ausnahmsweise müssen wir die Zelte vor dem Frühstück abbauen, weil sonst kein Platz zum Sitzen da ist. Felix und Ute sind schon viel zu früh wach (so um halb acht). Vincent findet einen Skorpion in seinem Rucksack, woraufhin Physi ganz entrüstet feststellt: ``Im Lonely Planet hat nur was von Bären und Wölfen gestanden!'' (von denen wir im übrigen nichts gesehen oder gehört haben). Wir machen uns auf Richtung Mηγαλo Παπιγκo und füllen zunächst an einer Quelle unsere Wasservorräte auf, die über Nacht doch ziemlich geschrumpft sind. Nach einigem Verhandeln (``Was? Du willst nicht feilschen?'') einigen wir uns darauf, den kleinen Umweg über Mικρo Παπιγκo zu nehmen, der uns noch über eine typische Steinbrücke führen wird, und dafür auf den großen Umweg über den Höhenweg zu verzichten, und direkt nach Kλειδωνιας zur Bushaltestelle zu gehen. An den Plateas von Mικρo und Mηγαλo Παπιγκo machen wir jeweils Pause, und in Aνω Kλειδωνια essen wir ein Eis. Als der eifrige Wirt uns dazu gleich Ouzo und Süßigkeiten serviert und sich auch noch herausstellt, daß er griechischen Salat anbietet, beschließen wir, dort Mittag zu essen. Wir sitzen auf einem mit Platanen bestandenen Platz im Schatten und blicken auf das Dorf, das außer dem Gasthaus nur wenige intakte Häuser zu besitzen scheint, und im Hintergrund auf den Aστρακα, wobei der Blick allerdings durch den Funkmast im Vordergrund etwas beeinträchtigt wird. Das Angebot der Wirtes, uns nach Kλειδωνιας mitzunehmen, lehnen wir ab und machen uns zu Fuß auf den Weg. Wie schon zuvor ist der Weg immer dann durch rote Punkte gut markiert, wenn sowieso offensichtlich ist, wo er verläuft. Aber dann haben wir ihn verloren und schlagen uns, im Glauben, sowieso schon fast unten zu sein, so durch's Gebüsch. Das entwickelt sich zu einer ziemlichen Kletterpartie, zusätzlich erschwert durch dichtes Gebüsch. Ständig krümeln einem kleine Zweige, Blätter und anderes in den Nacken (Physi: ``Ich habe die halbe Macchia im Nacken''), die Rucksäcke bleiben überall hängen. Das Finale ist eine ca. 6m hohe sehr schräge Felsplatte, wo wir zunächst die Rucksäcke runterrutschen lassen und dann selbst hinterher klettern. Dann haben wir eine Straße erreicht, an der auch prompt wieder die rote Wegmarkierung zu sehen ist (allerdings aus einer anderen Richtung kommend als wir). Na bitte. Am Ende der Straße ist die Hauptstraße und eine Tankstelle, die gleichzeitig die Bushaltestelle ist. Wir haben noch Zeit für das zweite Eis des Tages. Ein Blick zurück auf den Berg zeigt fast überall senkrechte Felsklippen – da sind wir runtergeklettert?

Der Bus kommt kurz nach 16 Uhr und bringt uns nach Iωαννινα. Dort springt Physi quasi aus dem fahrenden Bus und weckt erst in letzter Sekunde Ute auf. Grund: er hat ein Campingplatz-Hinweisschild erspäht und kurz entschlossen auf die ``Haltewunsch'' Taste im Bus gedrückt. Schlaftrunken trottet Ute hinter Felix und Vincent auf der Suche nach dem Zeltplatz her. Für 21 Euro können wir direkt am See das Zelt aufstellen, ein Feature, daß sich noch als Bug bzw. Frog herausstellen wird. Zuerst Wäsche waschen und aufhängen, dann machen wir einen Stadtbummel durch Iωαννινα, an der Seepromenade entlang zum Kastell. Leider sind das Museum und die Moschee bis einschließlich heute geschlossen. Dafür kaufen wir eine große Flasche Fanta Zitrone, setzen uns an der Seepromenade auf eine Bank in die Sonne und warten darauf, daß es spät genug für's Abendessen wird. Bald wird der Seeblick durch ein anlegendes Schiff versperrt – dafür können wir uns in den Fensterscheiben spiegeln und sehen, daß hinter uns ein Rosenbeet ist. Zum Essen gehen wir ins Ithaki, nehmen einen Tisch direkt am See. Als Vorspeise gibt es mit Käse überbackene Auberginen. Sogar Ute läßt sich überreden, etwas Wein zu trinken, und -- im Hinblick auf die zu erwartende Lärmbelästigung durch die in der Nähe des Campingplatzes gelegene Techno-Disco, die unser Platznachbar angekündigt hat – schenkt sie sich sogar freiwillig nach. Das Essen ist sehr gut. Als wir zum Zeltplatz zurückkehren, haben die am Seeufer wohnenden Frösche mit einem lauten Quaak-Konzert begonnen, wahrscheinlich, damit man durch die ca. am Mitternacht einsetzende Disco-Musik nicht aus dem Schlaf gerissen wird. Außerdem ist der Zeltplatz-Untergrund auch nicht viel bequemer als der Fels letzte Nacht (und da konnte man, wie von Felix gezeigt, durch geschicktes Zurechtlegen von Steinen sich wenigstens eine ergonomische Liegefläche einrichten).

Weiter Richtung Oλυμπoς und Aegaeis — Montag, der 14.6.

Ute ist mal wieder viel zu früh wach, aber kann dafür in Ruhe die Postkarten schreiben, die sie gestern gekauft hat, und auch duschen. Zur geplanten Weck-Zeit von 8 Uhr ist auch Vincent auf (Felix sowieso) und wir frühstücken am See. Unsere gewaschene Wäsche ist, wie erwartet, noch nicht gaanz trocken, aber wa soll's. Dafür gibt's frisches, noch warmes Brot und Osaft zum Frühstück. Gerade rechtzeitig kurz vor 10 erreichen wir die Bushaltestelle, nicht ohne uns für die Fahrt mit 1 Flasche Wasser und Vincent mit zwei Tüten Chips ausgerüstet zu haben. Der Bus nach Λαρισα braucht etwa 4 Stunden, die Strecke kennen wir ja schon von der Herfahrt. An einem Cafe oberhalb von Mετσoβo wird Pinkelpause gemacht, und da das Schlafen im Bus bei der Fahrt auf der kurvigen Bergstraße sowas wie ein Schleudertrauma hervorruft, putschen sich Ute und Physi vor der Weiterfahrt mit je einem Eiskaffee auf. Leider fällt uns erst bei der Abfahrt auf, daß man hier Berghonig und -käse hätte kaufen können.

Stunden später, so gegen viertel nach 2, treffen wir in Λαρισα ein, wo wir in einem netten griechischen Restaurant Oργιατικι und frittierte Mελιτζανες essen. Viertel vor vier geht's weiter Richtung Λιτoχωρo (die Toilettenfrauen verkaufen am Busbahnhof in Λαρισα übrigens für 20 Cent 2 Stück Klopapier). Nachdem Vincent per Internet die Route nach Πλακα Λιτoχωρoυ bestimmt hat, wissen wir immerhin, wo wir aussteigen müssen, und wir werden an der Autobahnausfahrt abgesetzt. Nachdem wir in einer Ψαρoταβερνα nach dem ruhigsten Campingplatz gefragt haben, bauen wir dort rasch die Zelte auf und begeben uns für ein Bad an die Aegaeis. Nachdem sich auch Vincent nach langem Zögern entschlossen hat, tiefer als bis zu den Knien ins Wasser zu gehen, schwimmen wir einmal bis zur nächsten Boje und zurück. Während der Strand schon im Schatten der Steilküste liegt, scheint auf das Wasser noch die Sonne. Zum Trocknen setzen wir uns auf die Mole, welche ein Stück den Strand runter liegt und auch noch Sonne hat. Daneben ist eine Cocktailbar, wo eine gutaussehende junge Dame die Musik auflegt. Nachdem wir uns fürs Abendessen im Autan-Schale geworfen haben, suchen wir auf gut Glück von den vielen großen, aber leeren Ψαρoταβερναs, die es hier gibt, eine aus. Der Kellner hat zwar cool gegelte Haare, spricht aber kein Wort Englisch. Felix und Vincent bestellen nach umständlicher Diskussion mit dem Kellner etwas fischiges mit einem langen griechischen Namen. Ute bestellt ``shell fish'', was sich dann nicht als Schellfisch, sondern als Muscheln entpuppt — zum Glück ist Felix gern bereit, gegen seinen Fisch (was auch immer für einen) zu tauschen. Zum Nachtisch holen wir uns an einem Kiosk noch ein Eis.

Der Anstieg — Dienstag, der 15.6.

In der Nacht gibt es einen Schauer, und Vincent rettet heldenhaft unsere Wäsche von der Leine. Vincent hat seinen Handy-Wecker auf 7 Uhr gestellt, und abgesehen davon, daß Ute schon um 6 Uhr glaubt, es wäre 7, funktioniert das auch. Heute wird ein harter Tag, was man vor allem daran erkennen kann, daß Felix seine 08/15 Söckchen gegen spezielle Wandersocken tauscht und sein Funktions-T-Shirt anzieht.

Nach einem raschen Frühstück am Strand leeren wir ausnahmsweise unsere Rucksäcke und lassen alles in den Zelten zurück, was wir heute und morgen nicht brauchen werden. Dann lassen wir uns ein Taxi rufen, das uns auf ca. 300 Höhenmeter nach Λιτoχωρo bringt. Dort kaufen wir bei einer Ostdeutschen eine genaue Karte des Zielgebietes, füllen unseren Wasservorrat auf und besorgen noch ein Brot für das Mittagessen. Und auf geht's, nach oben, aber zuerst ziemlich flach bzw. geradeaus die Eνιπεας-Schlucht entlang. Über sieben Brücken mußt Du geh'n, willst Du noch Πριoνια seh'n. Das liegt auf 1100 m und besteht aus nicht viel mehr als dem Ende der befahrbaren Straße. Es gibt hier recht viele Touristen, aber trotzdem machen wir an dem Brunnen hier Mittagspause. Der größte Teil des Anstieges, aber der geringere Teil der Wegstrecke stehen uns noch bevor. Wir brechen auf, nachdem Vincent mit dem Klingelton-Editor seines Handys ein Stück von Bach eingespielt hat und nicht mehr weiß, wie es weiter geht.

Mit mehreren mehr oder weniger ausgiebigen Pausen erreichen wir schließlich gegen halb fünf die Berghütte Refuge A (Σπιλιας Aγαπητoς). Nachdem wir uns alle mit derselben Perso-Nummer in die Gästeliste eingetragen haben und eine Tafel Nuß- und eine Cappuccino-Schokolade gekauft haben, unsere Betten beschlagnahmt und die verschwizten T-Shirts gewaschen, setzen wir uns auf die Terasse. Leider ist heute ein bewölkter Tag, und die Hütte liegt gerade mitten in den Wolken. Vincent bestellt die obligatorische heiße Schokolade, Ute und Physi begnügen sich mit kaltem, selbstaufgelöstem Zitronentee. Vincent bedauert die fehlene Sonne am meisten, weil sich auf seiner Stirn ein Frankenstein-Fleck bildet, der bis zum Ende der Reise bei fehlender Sonne wohl nicht wieder wegzukriegen sein dürfte. Bei der zweiten Flasche Zitronentee stellt sich raus, daß oben drauf eine Fliege schwimmt, die auch nach dem Schütteln beharrlich auf dem Schaum kleben bleibt. Beim Trinken rutscht sie aber nach hinten, so daß sie den Genuß nicht stört, und das ist auch besser so, denn alle Versuche, sie mit Vincents Kakao-Löffel rauszufischen, schlagen fehl. Nachdem sie endlich glücklich am Flaschenrand klebt, statt im Tee herumzuschwimmen, entdeckt Vincent prompt ein zweite in der Flasche. Zur Hütte gehört ein großer schwarzer Hund, der wie ein richtiger Hund, wie ein Wolf eben, aussieht — wo man wohl sowas herkriegt? http://www.wolf24.com natürlich.

Jetzt ist die Schokolade alle, es wird kühl, und wir überlegen, ob wir uns zum Abendessen in das Kaminzimmer setzen sollen. Das Essen besteht aus Bohnen- bzw. Gemüsesuppe und Makkaroni bzw. Kartoffeln mit Soße. Dazu gibt es Oλυμπoς -Kräutertee. Im Kaminzimmer sitzt auch noch ein deutsches Ehepaar aus Aschaffenburg. Sie wollen ebenfalls auf den Oλυμπoς , aber auf den Σκoλιo , den zweithöchsten Gipfel, der etwas leichter zu erreichen ist als der Mυτικας, mit 2.918 m der höchste Gipfel.

Auf dem Oλυμπoς — Mittwoch, der 16.6.

Mytikas

Zu Vincents Schrecken stehen Physi und Ute schon viertel nach 6 auf (objektiv allerdings erst um viertel vor sieben). Ab halb sieben gibt es Frühstück, drei Scheiben altbackenes Weißbrot (ein Maultier braucht halt auch 'ne Weile, bis es von Λιτoχωρo auf 2.100 m gelatscht ist mit der Verpflegung für die Hütte), Marmelade, Honig, Schmelzkäse und eine Tasse Kakao. Die Schlafsäcke können wir auf der Hütte lassen, so daß wir — abgesehen vom Wasservorrat — mit sehr wenig Gepäck unterwegs sind. Da Vincent noch nicht ganz aufgewacht ist (wir sind um 7.44 Uhr losmarschiert), ist er nicht ganz so schnell beim Anstieg wie gewöhnlich. Das gibt sich allerdings spätestens bei dem Schneefeld, das wir kurz unterhalb der Σκαλα, eines weiteren Gipfels, überqueren müssen. Die beiden Aschaffenburger haben wir kurz vorher überholt.

Auf der Σκαλα lassen wir die Rucksäcke zurück, um bei der Kletterpartie über die Kακoσκαλα, die ``schlechte Treppe'', die den letzten Teil des Aufstiegs zum Mυτικας darstellt, nicht behindert zu werden. Das ist eine schöne Kletterei, bei der man sich --- zumindest wenn man nicht schwindelfrei ist — die meiste Zeit mit Händen und Füßen festhalten muß. Runtergucken darf man sowieso nicht, denn als zusätzlicher Bonus kommt die Aussicht hinzu, in irgendwelche Kamine zu fallen. Es dauert ca. 1 Stunde, bis wir dieses streckenmäßig kurze Stück überquert habe. Am Gipfel angekommen, trägt Physi uns, wie es sich gehört, in das Gipfelbuch ein und macht die obligatorischen Gipfel-Beweis- und Panoramafotos. Vincent setzt noch eins drauf und posiert mit nacktem Oberkörper (ist das nun posig oder nicht?) neben der Gifpelfahne und macht mit seinem Fotohandy ein Foto von sich.

Auch für den Rückweg brauchen wir wieder eine Stunde, wobei festzustellen ist, daß Vincent schon deutlich mehr Übung im Klettern hat als auf dem Hinweg. Mit dem Wetter hatten wir Glück: außer nach Osten ist die Sicht frei und die Sonne scheint. Ausgerechnet im Osten, also von dort, wo wir raufgekommen sind und wo die Aegaeis liegt, bilden sich Wolken, die an der Flanke des Berges hoch ziehen. Wir geben unseren ursprünglichen Plan, auch noch den Σκoλιo zu besteigen, zugunsten einer ausgedehnten Mittagspause auf der Σκαλα auf. Der Abstieg zur Hütte geht rasch und problemlos (abgesehen davon, daß Ute auf dem Schneefeld 2x bis zu den Knien einsackt, aber das ist schließlich besser als runterzurutschen). Dort kriegt Vincent noch eine heiße Schokolade und Ute ihr wohlverdientes Oλυμπoς -Gipfel-T-Shirt. Dann machen wir uns an den Abstieg nach Πριoνια. Es wird ein ziemliches Gerenne, in zweierlei Hinsicht: erstens scheint Vincent es eilig zu haben, zum Baden ans Meer zu kommen, und zweitens begegnen uns jede Menge Touristen. Der Höhepunkt ist, als wir an der Quelle in der Mitte der Strecke auf eine ganze Reisegruppe Tschechen oder Polen treffen, die ``Stück für Stück den Berg rauf kommen und sich auf das Wasser stürzen''. Für diese Soap-Opera verzichtet Vincent sogar darauf, uns mit dem Klingelton-Editor zu erwarten (er war vorgestratzt).

In Πριoνια erfrischen wir uns an der Quelle und lassen uns dann von einem Griechen in seinem Kastenwagen mit nach Λιτoχωρo nehmen. Hinter uns her fährt ein zweiter Grieche in einem offenen Pickup – das wäre natürlich stilvoller gewesen. Nachdem wir die Bus-Abfahrtszeiten Richtung Θεσσαλoνικη in erfahrung gebracht haben, fahren wir zusammen mit 2 hübschen Griechinnen in ein Taxi gequetscht zu unserem Campingplatz in Πλακα Λιτoχωρoυ. Da ist natürlich erst mal ein Bad angesagt, besonder, weil das Wasser auf der Hütte sehr kalt war und die Wäsche deshalb umso kürzer ausfiel.

Anschließend kochen wir noch 2 Töpfe Tee, aber es ist immer noch zuviel Benzin in der Flasche. Da es kein Super-Benzin ist, will ``Bill'' es nicht haben und er empfiehlt, es ins Gras zu kippen — außerhalb seines Campingplatzes, versteht sich. Nachdem das Problem gelöst ist, gehen wir in die Ψαρoταβερνα Aιoλoς zum Abendesen. Sehr geschäftstüchtig und wesentlich gesprächiger als der vor 2 Tagen ist der Ober, und wir bestellen reichlich Salat, Mελιτζανες und Zucchini frittiert, Kartoffeln und frischen Fisch. Dazu den Hauswein (Ute gewöhnt sich langsam daran). Zum Nachtisch gibt's noch frische Melone. Das Essen ist exquisit, und auch die Rechnung: 66 Euro!!!

Rückreise — Donnerstag, der 17.6.

Da der Bus nach Θεσσαλoνικη erst recht spät abfährt, haben wir genug Zeit, noch ein Bad zu nehmen und in Ruhe am Meer zu frühstücken. Die Rucksäcke sind schnell gepackt. Nachdem Bill uns auch für den Tag, an dem wir gar nicht da waren, die Stellplatzgebühr für zwei Zelte abgeknöpft hat, geht es mit dem Taxi nach Λιτoχωρo und weiter mit dem Bus nach Θεσσαλoνικη. Der Bus zum Flughafen steht abfahrbereit da, und wir überleben auch diesmal die ca. einstündige Fahrt durch die Stadt. Am Flughafen nutzen wir die letzte Chance, was typisch griechisches zu essen (irgendwelche Käse- und Schinken-gefüllten Teigdinger), und schon geht's los! Der Himmel ist meist wolkenfrei, und wir sehen Venedig, die Alpen (da könnten wir auch bald mal hin zum Bergwandern – oder doch lieber nach Ostfriesland, wo die Deiche für nicht-schwindelfreie Personen kein wesentliches Hindernis darstellen?), den Bodensse, und schon sind wir da. Dank des ÖPNV in Stuttgart warten wir dann erst mal 20 min auf die nächste S-Bahn. Willkommen zuhause!

Fotos (c) Felix Brümmer 2004