You are here: Home > Travel > Pyrenäen 2020

Durch die Pyrenäen, Teil zwei

Dies ist die Fortsetzung der Pyrenäen-Überquerung, die wir 2018 begonnen haben. Den Bericht zu den ersten Etappen gibt's hier.

Klicke auf eines der Fotos, um es zu vergrößern und durch alle Fotos blättern zu können (soll ja Leute geben, die nicht gern so viel Text lesen blinking smiley ).

Aufbruch

Erstmal müssen Vincent und ich nach Montpellier fahren, wo Felix wohnt. Vincent ist schon am Vortag vom ungeliebten Stuttgart nach Karlsruhe gekommen, um sich wenigstens einen kleinen Teil der langen Fahrt zu sparen. Und nun ist er als erster wach und geht Brötchen kaufen, während ich vollständig aufwache, aufstehe und den letzten Kram in meinen Rucksack stopfe. So ist die Versorgung mit belegten Broten für die Hinfahrt gesichert. Auf dem Weg zum Bahnhof machen wir einen Abstecher zur Käsehütte, um auch die Versorgung während der Wandertour sicherzustellen. 800 g sollte für zwei Personen und vier Tage reichen, oder? Natürlich echter Schweizer Käse, besseren bekommt man nirgendwo in Karlsruhe. Überpünktlich sind wir am Bahnhof und können noch Snacks und Cola zum Mitnehmen kaufen, wer weiß, wie in dieser Zeit die Versorgung im Zugrestaurant funktioniert. Der ICE ist ziemlich voll, von Abstandsregelung keine Spur. Nach einer knappen Stunde Fahrt haben wir in Strasbourg sehr viel Zeit, um draußen vor dem Bahnhof nochmal die Masken abzusetzen und tief Luft zu holen, bevor der Anschlußzug abfährt. Jetzt nur noch sechs Stunden TGV überstehen, natürlich mit Maske, und ebenso natürlich mit vielen Ess- und Trinkpausen, in denen man die Maske ganz offiziell abnehmen darf. Lia holt uns vom nagelneuen Bahnhof Sud de France in der Pampa südlich von Montpellier ab. Der Bahnhof hat, abgesehen vom TGV, nämlich keinen Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel. Zum Abendessen soll gegrillt werden, das hören wir gern. Anja hat sehr leckere Hühnchen-Zitronen-Spieße und den besten Salat der Welt für uns vorbereitet. Da es morgen früh losgehen soll und die Tigermücken wie jeden Abend sehr aktiv sind, gibt es besseres zu tun als lange für ein Schwätzchen auf der Terasse zu sitzen.

Endlich wieder wandern!

Seit wann schnarcht Vincent eigentlich? Zum Glück hört er nach ein paar Stupsern wieder auf, und in der Höhenluft wird es hoffentlich besser sein! Um 6:15 Uhr klingelt der Wecker. Schnell Tee kochen, duschen, ein Stück Baguette oder ein Müsli mampfen, und dann geht's los. Die ganze Familie bringt uns zum Bahnhof Saint Roch im Zentrum, damit wir nicht wie beim letzten Mal auf eine nicht-vorhandene Straßenbahn warten und dann den Zug verpassen. Dort noch schnell ein Pain au chocolat für unterwegs einsammeln, dann geht's in den Zug nach Narbonne, und von dort weiter nach Perpignan. Hier wird darauf geachtet: bitte eine richtige Maske aufsetzen, nicht nur ein Halstuch! Mit dem Bus fahren wir weiter nach Amélie-les-Bains. Die Strecke kennen wir schon von vor zwei Jahren, da sind wir sie allerdings rückwärts und im Dunkeln gefahren. Jetzt präsentiert sich ein schöner Blick auf die Gipfel und Kämme, die wir schon erwandert haben und die wir diesmal besteigen wollen, allen voran das Canigou-Massiv, auch wenn der Canigou selbst nicht unser Ziel ist.

Wir starten an der Bushaltestelle von Amélie-les-Bains, an der wir die letzte Etappe beendet haben. Foto (c) Felix Brümmer.
Wir starten an der Bushaltestelle von Amélie-les-Bains, an der wir die letzte Etappe beendet haben. Foto (c) Felix Brümmer.
In Amélie-les-Bains suchen wir einen Brunnen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen, weil das Quellwasser hier weniger nach Chlor schmeckt als das Hahnewasser in Montpellier. Es findet sich ein Wasserhahn am Marktplatz. Weil wir und sie gerade da sind, kaufe ich drei frische Nektarinen, die uns über die ersten Höhenmeter hinweghelfen sollen. Handverlesen, gerade reif zum Sofort-Essen! Wir starten bei 234 Meter über Normal-Null, was immer das hier in Frankreich sein mag. Der Weg führt fast sofort steil bergauf. Es ist ein Trampelpfad quer durch's Gebüsch, der uns davor bewahrt, in der prallen Mittagssonne auf der Landstraße gehen zu müssen. Erstes Zwischenziel ist das Dorf Montbolo. Kurz vorher kommen wir an einer eingezäunten Ziegenweide vorbei, und da hat sich tatsächlich eine Ziege mit ihrem Bein im Elektrozaun verfangen! Zum Glück kommt gerade jemand vorbei, der sich hier auskennt. Sie kommentiert sie Situation passend "Merde!" und beeilt sich, die Ziegenbesitzer zu benachrichtigen, damit dem armen Tier geholfen werden kann. Montbolo, auf 590 m, hat einen schönen Brunnen, in dem wir uns erfrischen. Bald plätschert Sonnencreme von einem Becken ins nächste. Ob das wohl frisches Wasser ist oder ob nur im Kreis gepumpt wird? Vincent hält den Ablauf zu, und es kommt trotzdem noch frisches Wasser nach. Beruhigend.

Nächstes Zwischenziel ist der Coll de la Reducta (873 m) – hört sich gut an für eine Mittagspause! Leider ist der Platz schon besetzt, von zwei riesigen Bullen. Hm. Also weitersuchen nach einem Rastplatz, schöne Aussicht soll er haben, Schatten, und keine Touristen oder andere Rindviecher, natürlich! Letztendlich setzen wir uns mitten im Wald mitten auf den Weg, "schattig" und "nah" sind die übrig gebliebenen Kriterien. Würziger Käse mit würzigem Brot, dazu Möhren und zum Nachtisch Kekse und Schokolade, was will man mehr? Mehr Wasser...

Im Buchenwald Bosc de la Fajosa.
Im Buchenwald Bosc de la Fajosa.
Weiter bergan geht's, wir haben etwa die Hälfte geschafft. Wir kommen an einem ehemaligem Bahnhof einer ehemaligen Eisenmine vorbei, und ab hier geht der Weg zum Glück erst mal sehr flach weiter, nämlich auf dem alten Bahndamm. Es ist unheimlich heiß hier, hab ich das schon erwähnt? Am Coll de Formentera biegt der Weg vom Bahndamm ab und wir durchqueren einen idyllischen Buchenwald voller knorriger Bäume. Immerhin ist es hier schattig und ein kleines bisschen kühler! Fast ein Deja-vu vom letzten Mal, nur dass es diesmal noch hell ist, und weil es Sommer ist, ist der Waldboden voller blühender Blumen, und die Luft summt vor Bienen (die sich komischerweise nicht für die Blumen interessieren).

Blumen im Bosc de la Fajosa.
Blumen im Bosc de la Fajosa.
Am Torre de Batera, dem nächsten ausgeschilderten Wegpunkt, wollen wir Goûter (sprich: Gutee) oder Teepause machen. Nein, dort gibt es kein Café! Goûter bezeichnet eine Nachmittags-Süßigkeiten-Pause für Kinder. Der alte Turm aus roh behauenen Steinen steht auf einem Hügel neben dem Weg, in der prallen Sonne. Der Weg ist hier inzwischen wieder eine Fahrstraße, und es herrscht erstaunlich viel Verkehr dafür, dass es mitten im Nirgendwo ist. Von hier aus liegt laut Felix "gleich hinter dem nächsten Bergrücken" der Coll de la Cirera, wo wir zelten wollen. Welcher der vielen Bergrücken gemeint ist, bleibt abzuwarten: "Der grüne da, mit dem Gras und den Bäumen". Aha. Kann sein, dass ich ein bisschen zu viel Sonne abgekriegt habe heute.

Hinter einem dieser grünen Bergrücken liegt unser Tagesziel.
Hinter einem dieser grünen Bergrücken liegt unser Tagesziel.
Bald erreichen wir die bewirtschaftete Batera-Hütte (1.474 m), die in einem ehemaligen Bergwerksgebäude untergebracht ist. Es herrscht reger Betrieb. Hier verläuft auch der GR10, ein beliebter Fernwanderweg. Direkt am Eingang gibt es einen Wasserhahn, wo wir auftanken können (oder, wenn wir hinein wollten, die Hände waschen). Nun sind es nur noch 250 Höhenmeter bis zum Coll de la Cirera auf 1.731 m, und die sind schnell geschafft. Ein wunderschöner Zeltplatz mit Panoramablick bis zum Mittelmeer! Einziger Nachteil: es gibt kein Wasser. Ein Stück weiter und 50 Höhenmeter tiefer am GR10 soll eine Quelle liegen. Vincent und Felix gehen kundschaften. Sie kommen schnaufend zurück: Es sind wohl eher 130 Höhenmeter. Aber besser als gar kein Wasser.

Zum Abendessen gibt es Couscous mit Gemüse. Paprika, Möhren, Zwiebeln, Zucchini und Chorizo sind schnell geschnippelt und füllen den einen Topf, der Couscous den anderen. Das Abschätzen der richtigen Menge üben wir noch. Das Zelt ist schnell aufgebaut, und da es, nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, schnell kühl wird, sind wir auch bald im Schlafsack. Der Sternenhimmel nachts ist großartig, einzigartig! Es ist Neumond, und die Sterne leuchten so hell, dass man trotzdem die Umgebung erkennen kann. Die Milchstraße zieht sich deutlich sichtbar quer über den Himmel, und Jupiter leuchtet hell.

Zeltplatz und Sternenhimmel am Coll de Cirera.
Zeltplatz und Sternenhimmel am Coll de Cirera.
Zeltplatz und Sternenhimmel am Coll de Cirera.

Ins Hochgebirge

Felix meldet sich freiwillig, noch vor dem Frühstück zur Quelle hinunterzulaufen und alle verfügbaren Wassergefäße aufzufüllen. Währenddessen bauen Vincent und ich schon mal den Kocher auf und das Zelt ab. Zum Frühstück ziehen wir ein paar Meter um, weil die Sonne unseren Zeltplatz noch nicht erreicht hat. Es gibt Earl Grey Tee, Couscous mit Gemüse und Müsli. Die ersten Wanderer, die wohl in der Hütte übernachtet haben, passieren uns. Erstaunlicherweise folgen viele gar nicht dem GR10, sondern gehen, wie wir es auch vorhaben, über den Grat Richtung Roc Negre. Punkt neun Uhr brechen wir auf. Es erwarten uns "nur" 1.000 Höhenmeter, deutlich weniger als gestern, nur mit dem kleinen Untersschied, dass diese 1.000 bei 1.700 losgehen. Jeder Schritt bergan ist also schon jetzt anstrengend, und entsprechend langsam komme ich voran. Vincent bleibt immer hinter mir und redet mir gut zu, während Felix vorne den Weg ausspäht. Ich bin erleichtert, als sich nach ein paar Stunden herausstellt, dass zwei junge Franzosen, die uns morgens überholt hatten, auch nicht viel schneller sind als ich. Dass Felix und Vincent viel schneller sein könnten, ist sowieso klar. Ein kurzes Drama, als sich herausstellt, dass sich einer meiner ausziehbaren Wanderstöcke verklemmt hat und sich nicht mehr ausziehen läßt. Felix löst das Problem mit Einfallsreichtum, jeder Menge Tape und ein bisschen Gewalt. Ich finde es hilfreich, das Gewicht des Rucksacks (und mein eigenes) nicht nur mit den Beinen bergan hieven zu müssen, sondern mit den Armen unterstützen zu können.

Noch am Vormittag erreichen wir die Baumgrenze, und eine faszinierende Hochgebirgslandschaft empfängt uns. Der Boden ist voll mit kleinen und kleinsten Blümchen in allen möglichen Formen und Farben. Sogar Enzian ist dabei. Der Weg als solcher ist kaum noch zu erkennen, wir orientieren uns an Steinmännchen. Der Gipfel da,... ah, das ist erst einer der Vorgipfel, der Cinreus. Und der nächste Gipfel? Der Pic Gallinàs (2.461 m), ein weiterer Vorgipfel. Den erreichen wir um 12 Uhr, als wir laut Planung schon auf dem Roc Negre sein sollten. Und der nächste Gipfel da? Das ist auch noch ein Vorgipfel. Und der da? Felix spart sich die Antwort.

Da kommen wir her, und da wollen wir hin.
Da kommen wir her, und da wollen wir hin.
Da kommen wir her, und da wollen wir hin.
Hochgebirgsvegetation.
Hochgebirgsvegetation.
Hochgebirgsvegetation.
Hochgebirgsvegetation.

An einem Sattel knapp unterhalb des richtigen Gipfels machen wir Mittagspause, damit wir die Energie für den letzten Anstieg haben. Gut, dass Vincent Ovomaltine-Schokolade dabei hat: damit kann man's nicht besser, aber länger, und Ausdauer ist hier sehr wichtig. Von hier aus sehen wir endlich den Puig del Roc Negre, 2.714 Meter hoch. Wir können mehrere Wanderer dabei beobachten, wie sie den Gipfelgrat überqueren. Einer von denen macht sich extra die Mühe, zu uns hinunterzusteigen, um uns vor dem weiteren Weg zu warnen; dass der nächste Grat hinter dem Gipfel sehr schwierig sei und es besser wäre, ein Stück abzusteigen und das Geröllfeld zu queren. Sehr aufmerksam und nett von ihm, und ein guter Rat, denn schon das letzte Stück bis zum Gipfel ist eine ziemliche Kletterpartie mit Händen und Füßen. Felix wartet geduldig und passt auf, das ich nicht die Fassung und den Weg verliere. Ausgesetzte Grate sind nicht so meins. Auf dem letzten Stück geht er sogar zweimal, um mir meinen Rucksack abzunehmen. So fürsorglich bin ich schon lange nicht mehr im Hochgebirge betreut worden, danke schön! Endlich oben, bietet sich ein toller Rundumblick. Sehnsüchtig schaut Felix zum Canigou hinüber. Es ist jetzt etwa 16 Uhr, wir haben also nur vier Stunden Verspätung und machen deswegen nur eine ganz kurze Pause. Aus dem Wolken, die von Westen her aufziehen, wird doch kein Gewitter werden?

Auf dem Gifpel des Roc Negre. Foto (c) Felix Brümmer. Blick vom Roc Negre auf den Canigou. Komisch, als ich da oben saß, war mir  nicht bewußt, dass da so viele Felsen zwischen mir und dem Abgrund waren  und ich gar nicht hätte runterfallen können.
Auf dem Gifpel des Roc Negre. Foto (c) Felix Brümmer. Blick vom Roc Negre auf den Canigou. Komisch, als ich da oben saß, war mir  nicht bewußt, dass da so viele Felsen zwischen mir und dem Abgrund waren  und ich gar nicht hätte runterfallen können.
Auf dem Gifpel des Roc Negre. Foto (c) Felix Brümmer. Blick vom Roc Negre auf den Canigou. Komisch, als ich da oben saß, war mir nicht bewußt, dass da so viele Felsen zwischen mir und dem Abgrund waren und ich gar nicht hätte runterfallen können.

So schnell es geht, steigen wir ab. Puh, geht das hier überall steil nach unten! Als ich mich an einer steilen Stelle an einem stacheligen Strauch festhalte, bleibt mir ein Spreisel in der Hand stecken – man muss halt Prioritäten setzen. Vincent kommt jetzt auch nicht mehr so schnell voran wie vorher. Man weiß nie, ob der Stein, auf den man seinen Fuß gerne setzen würde, auch wirklich hält. Manchmal wackeln die Felsbrocken nur, manchmal rutschen sie – nächster Stop 150 Meter weiter unten? Nein, danke!

Jemand braucht am Portella de Leca ganz dringend eine Pause. Felix, unerschütterlich, überprüft den Höhenmesser. Foto (c) Vincent Spallek.
Jemand braucht am Portella de Leca ganz dringend eine Pause. Felix, unerschütterlich, überprüft den Höhenmesser. Foto (c) Vincent Spallek.

Am Sattel Portella de Leca (2.594 m) zwischen dem Roc Negre und dem Puig Roja, wo wir eigentlich noch drüber wollen, machen wir Strategiebesprechung. Das geplante Tagesziel werden wir auf keinen Fall mehr erreichen, das wären noch weitere vier Stunden Grat-Kletterei (mit oder ohne Umgehung durch das Geröllfeld), und das Fernziel erst recht nicht, das wären nochmal zehn Kilometer mehr. Also steigen wir hinab in das unter uns liegende Tal, Gorgs de Cady, das mit mehreren kleinen Seen und grünen Kräutern sehr einladend aussieht. Der Weg führt über Schrofen, eine Mischung aus Kies, Geröll und Gras, mit vielen losen Steinen, und ist nach wie vor schwierig, aber die Aussicht auf einen tollen Zeltplatz am See macht das wett. Wir passieren sogar ein kleines Schneefeld, das in dieser Höhe und aufgrund der nördlichen Ausrichtung des Talkessels überlebt hat. Gerade genug, dass jeder einen Schneeball werfen kann!

Abstieg in die idyllischen Gorgs de Cady.
Abstieg in die idyllischen Gorgs de Cady.
Abstieg in die idyllischen Gorgs de Cady.
Abstieg in die idyllischen Gorgs de Cady.
Am Talboden angekommen, stellt sich heraus, dass die Vorhersage bezüglich der Mücken zutreffend ist – auch die mögen flache Seen und ein windstilles Eckchen. Nichts, was eine Regenhose und etwas DEET nicht lösen könnte! Erst mal die Füße im Wasser abkühlen und dabei aufpassen, wo man sich am Ufer hinsetzt, denn das Gras sieht zwar überall trocken aus, aber wenn man sich draufsetzt, gibt es nach und man sitzt mit dem Hintern in einer Pfütze! Auch die verschwitzen T-Shirts freuen sich über ein Bad, erst im See und dann in der Sonne.

Zeltplatz am See mit Blick auf den Canigou. Als der verantwortungsbewußte Bergführer, der er ist, hat Felix die Karte nicht nur im Kopf, sondern auch immer griffbereit.
Zeltplatz am See mit Blick auf den Canigou. Als der verantwortungsbewußte Bergführer, der er ist, hat Felix die Karte nicht nur im Kopf, sondern auch immer griffbereit.
Zeltplatz am See mit Blick auf den Canigou. Als der verantwortungsbewußte Bergführer, der er ist, hat Felix die Karte nicht nur im Kopf, sondern auch immer griffbereit.

Zum Abendessen gibt es Beutel à la carte: Boef Stroganov, Chicken Tikka und Kartoffeltopf mit Röstzwiebeln. Zum Nachtisch Karamell-Brownie-Schogetten, dazu ein Pfefferminztee, verfeinert mit Orangen-Magnesium-Tablette. Kann man sich was besseres vorstellen? Wir haben einen tollen Blick auf den Canigou im Südosten, und an der Westwand unseres Tales können wir Gemsen beobachten, die scheinbar ungestört durch uns dort herumhüpfen. Das Zelt passt genau auf die ebene Fläche zwischen den einzelnen großen Steinen auf der Wiese am See. Bei einem Gute-Nacht-Snack aus Käse und Gänsewein genießen wir das Licht der goldene Stunde, das den blühenden wilden Rhododendron besonders schön zur Geltung bringt. Es ist noch lange warm, auch weil die von der Sonne aufgeheizten Felsen noch Wärme abstrahlen. In den kurzen Momenten, in denen die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, und nachdem sie hinter den Bergen untergegangen ist, wird es etwas kühler, wir sind eben doch 2.400 m hoch! Dennoch habe ich in keiner Nacht so geschwitzt wie in dieser.

Ob wir aber über den Grat, oder unter dem Grat, oder überhaupt nicht Grat geh'n?

Es war eine ruhige Nacht, im Zelt auch gut geschützt vor den Mücken. Wir wachen erst um halb acht auf und sind trotzt der Höhe gut erholt. Die Mücken sind noch nicht wach, zum Glück, so können wir ungestört und ausgiebig frühstücken: Tee, Müsli, und Nutella aus der Tube auf den sonst sehr trockenen Trekking-Keksen. Mjam! Dazu der Bergblick – nicht eine Wolke am Himmel! Und die Gemsen! Wir lassen uns so viel Zeit, dass die Sonne bis über den Canigou steigt und auf unseren Zeltplatz scheint. Puh, ist das warm hier!

Gehen wir jetzt da wieder hoch, wo wir gestern runtergekommen sind, um unseren Weg wie geplant mit der Kraxelei über den Grat Richtung Puig Rojà fortzusetzen? Oder lieber von hier aus runter zur Mariailles-Hütte (sprich: Marijei), und dann von da aus wieder rauf, um den Grat zu umgehen? Nach einigem Überlegen entscheiden wir uns für die sicherste Route, die am wenigsten Ansprüche an meine Schwindelfreiheit, Vincents Trittsicherheit und Felix' Geduld mit seinen Mitwanderern stellt: den Abstieg zur Mariailles-Hütte. Zunächst geht's weglos weiter das Tal des Cady hinab, über Steine und Gras, Sumpflöcher und Bäche, durch Ginster und Rhododendrongestrüpp. Schrilles Preifen von der Seite: Murmeltiere! Tatsächlich bekommen wir ein paar dieser niedlichen Viecher zu sehen. Eines stützt sich direkt vor Felix kopfüber in seinen Bau, dessen Eingang mitten auf dem "Weg" liegt.

Das Tal des Cady, inclusive Murmeltier.
Das Tal des Cady, inclusive Murmeltier.
Das Tal des Cady, inclusive Murmeltier.
Das sumpfige Gelände und die vielen kleinen Bäche sortieren sich zu einem einzigen Bach, dem Cady, und die Steinmännchen reihen sich jetzt aneinander, statt verstreut in der Gegend herumzustehen. Wir haben den Zustiegsweg zum Canigou erreicht, wo wir uns talwärts halten. Sofort nimmt die Dichte an anderen Menschen stark zu; einige haben in den unbewirtschafteten Hütten übernachtet oder biwakiert, und die wollen jetzt wahrscheinlich alle auf den Canigou.

Der Weg quert den Cady, der hier schon etwas mehr Wasser gesammelt hat. Man braucht eigentlich nur über die großen Steine zu hüpfen, doch das ist komplizierter, als es aussieht, Vincent muss danach erst mal trockene Socken anziehen. Glücklicherweise ist der nächste größere Bach mit einer Brücke ausgestattet. Auf diesem Wegabschnitt durchqueren wir das erste Mal auf dieser Tour Viehzäune – theoretisch hätten uns die Stiere vom Coll de la Reducta hier noch erwischen können.

Bergflora und -fauna.
Bergflora und -fauna.
Bergflora und -fauna.
Gegen 12 Uhr erreichen wir die Hütte Mariailles auf 1.718 m. Es stellt sich heraus, das der Teil des Plans "und dann von da aus wieder rauf" bedeuten würde, dass wir heute noch weitere 25 km Strecke und 1.000 Höhenmeter machen müssten. Das große Problem beim Wandern in den Pyrenäen im Sommer ist nämlich das Wasser: das gibt es nicht überall, man braucht es aber in großen Mengen. Habe ich erwähnt, dass sich ein wolkenloser Sonnenhimmel über uns aufspannt und die Temperatur im Schatten sicher über 25°C liegt? Hier an der Hütte können wir unsere Vorräte auffüllen, wenn wir dann aber aufsteigen, gibt's die nächste Quelle eben erst in 25 km, nachdem wir hinauf bis zum Grat, dann unterhalb des Grates den mehr oder weniger guten Weg entlang, und dann wieder runter bis zum nächsten Biwak gelatscht sind. Hm. Naja, Felix als Bergexperte hat natürlich noch einen Plan B (oder eher E, weil wir B, C und D schon vereitelt haben), und der heißt: ganz hinunter heute, und dann morgen einen Ausflug in die Carança-Schlucht machen. Dann können wir auf der Rückfahrt wie geplant mit dem Petit Train Jaune fahren. Vincent, der mit dem Sixpack, jammert, dass er gegen seinen während der Kurzarbeit angesammelten Bauchspeck noch ein paar Höhenmeter gebrauchen könnte, wird aber überstimmt. Nicht zuletzt deshalb, weil es nach der längeren Pause, während der wir die möglichen Busverbindungen für die Aktivitäten morgen gecheckt haben, nun wirklich eindeutig zu spät ist.

Gesagt, getan. Wir haben das Hochgebirge verlassen und der Pfad führt durch Wald, und lange Zeit wird er flankiert von einem kleinen Kanal, der zwischen dem Pfad und dem Hang verläuft. Wozu der wohl gut ist? Keine Ahnung, aber das Wasser darin plätschert lustig und erfrischend. Ab und an verschwindet der Kanal, indem sich das Wasser zusammen mit einem querenden Gebirgsbach, der von oben kommt, talwärts stürzt, nur um einige hundert Meter weiter unvermittelt wieder aufzutauchen. Am Ufer suchen wir uns dann auch einen schönen Rastplatz für die Mittagspause. Der Schweizer Käse übertönt noch immer das Aroma der Füße, die wir praktischerweise im Sitzen zum Kneipp-Fußbad in den Bach hängen können. Nur dass es im Wald so schattig ist, dass die verschwitzten T-Shirts nicht zum Trocknen in die Sonne gelegt werden können, ist eine kleine Unbequemlichkeit.

Der kleine Kanal am Wegrand.
Der kleine Kanal am Wegrand.

Wir kommen am Col du Cheval Mort (Pass des toten Pferdes) vorbei und erreichen nach ein paar Stunden den Coll de Jou (1.125 m). Hier gibt es einen Parkplatz und entsprechend auch Menschen. Wolken sind aufgezogen, im Westen grollt es schon, man sieht in der Ferne Regen fallen und die schwüle Luft steht. Trotzdem können wir uns natürlich den kleinen Gipfel mit dem Torre de Goà (1.288 m) nicht entgehen lassen. Unser Vorwärtskommen sieht jetzt eher so aus: schnell durch die sonnigen Passagen, dann an einem schattigen Platz, an dem auch ein Lüftchen geht, stehen bleiben, Zunge raushängen und Arme für bessere Belüftung ausstrecken. Repeat until Torre. Als wir am Turm ankommen, ist das Gewitter schon so nah, dass wir uns nicht lange aufhalten. Irgendwie doch gut, dass wir jetzt nicht auf dem Grat sind!

Jetzt müssen wir nur noch nach Vernet-les-Bains (691 m) runter, und das möglichst nicht über den Bergrücken, sondern schön weiter unten am Hang. Die Wegbeschriftung ist uneindeutig — da sind wir nun in hochalpinem weglosen Gelände herumgeklettert, nur um uns kurz vor dem Ziel, quasi schon mitten in der Zivilisation, zu verlaufen! Als wir gerade zwischen den mannshohen Ginsterbüschen nach dem richtigen Weg suchen, kündigt sich der Platzregen an, mit einzelnen dicken Tropfen. Wir haben gerade noch Zeit, die Regenhüllen über die Rucksäche zu stülpen, da gießt es schon wie aus Kübeln. Wir selber sparen uns das Regenzeug, denn es ist immer noch viel zu warm und die Abkühlung kommt gerade recht. Sobald es regnet, beginnt es intensiv zu duften, nach Kräutern, Blüten und feuchtem Holz. Hmmm! Dann gehen wir zurück bis zur letzten Markierung und finden dann auch den richtigen Weg, der ab hier als Mountainbike-Trail markiert ist. Die Mountainbikefahrer, die hier runter wollen, tun mir Leid! Felsblöcke, dorniges Gestrüpp, Wurzeln und mehr Felsblöcke...

Die Beschilderung bleibt irreführend, wir werden zu den Thermen von Vernet-les-Bains geleitet, obwohl wir da gar nicht hin wollen – und kommen dann plötzlich aus dem Wald heraus und stehen direkt vor unserem Ziel, dem Campingplatz. Felix maskiert sich und bucht uns für 24 Euro einen Platz. Der liegt unter einer großen Eiche, die uns erst mal vor dem Nieselregen schützt. Als der Pause macht, hängen wir die Wäscheleine und unsere nassen Sachen daran auf – hilft nicht viel, denn kurz darauf fängt es wieder an zu regnen. Wir bauen das Zelt auf, denn auch eine alte Eiche schützt nicht ewig. Und da es hier warme Duschen gibt und da wir ja schließlich dafür bezahlt haben, nutzen Felix und ich die auch. Vincent geht derweile ins Dorf, um Vin rouge zu kaufen, damit wir den Rest des Käses heute abend gebührend würdigen können, bzw. damit wir eine Motivation haben, ihn aufzuessen, bevor er anfängt, von selber davonzulaufen.

Rechtzeitig zum Abendessen hört es endlich ganz auf zu regnen. Trotzdem sitzen Felix und ich in der Regenhose da; alle anderen Klamotten hängen ja auf der Leine. Es gibt 2x Boef Stroganov und 1x Kichererbsen-Eintopf, den Vincent schon nicht haben wollte ("Ih, vegetarisch") bevor er wußte, dass der komisch schmecken und die Bestandteile auch nach extra-langem Ziehen in heissem Wasser nicht richtig weich werden würden. Alle helfen mit, das Zeug aufzufuttern. Dafür ist der Käse, je nach Geschmack mit oder ohne Rotwein, um so leckerer. Da wir aufgrund der Abfahrtzeiten der Busse morgen sehr früh raus müssen, geht's bald in die Heia – nicht ohne dass Felix vorher das Zelt nochmal halb abbaut, um die ca. 10.000 Fliegen, die sich zwischen Innen- und Aussenzelt gesammelt haben, freizulassen. Bei dem Gesumme und Gesurre hätten wir wahrscheinlich nicht gut geschlafen.

Schluchtgummibärchen

Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Brr. Frühstück gibt's keins. Überraschenderweise sind unsere Klamotten auf der Leine alle trocken. Nun schnell das Zelt abbauen, alles in die Rucksäcke stopfen — Nein, die Zeit reicht nicht mehr, um den Kocher nochmal rauszuholen und doch noch Tee zu kochen! — und dann ab zur Bushaltestelle. Dort sind wir dann so viel zu früh, dass wir in aller Ruhe durchs Dorf schlendern und in einer Brasserie noch Pain au chocolat und Apfeltaschen kaufen können. Die Altstadt von Vernet-les-Bains ist eigentlich recht nett, es ist ein (ehemaliger) Kurort. Die Bushaltestelle ist mit Abstand der hässlichste Teil, auch wenn sie nach Eukalyptus duftet. Ob das damit zusammenhängt, dass direkt nebenan gerade die Müllcontainer geleert und evtl. parfümiert wurden?

Der Bus kommt pünktlich, und wir kaufen drei Fahrkarten à ein Euro, in die die Fahrerin liebevoll von Hand Datum und Uhrzeit einträgt. In Villefrance-de-Conflent müssen wir in einen anderen Bus umsteigen, um das Tal des Têt, das auch Conflent genannt wird, weiter hoch zu fahren. Villefranche hat nichts außer einer Bushaltestelle, einem Bahnhof und einer Vauban Festung. Um ein Haar hätten wir die Haltestelle verpasst, an der wir aussteigen mussten, weil der erste von den beiden auf der Karte eingezeichneten Orten namens Thuès kein richtiger Ort, sondern nur ein großes Hotel ist (ein Spa wahrscheinlich, es heißt Thuès-les-Bains) und wir die Haltestelle deswegen nicht erkannt haben. Das zweite Thuès ist Thuès-Entre-Valls, unser Ziel auf 808 m Höhe; hier beginnt die Gorges de la Carança.

Als erstes gehen wir Wasser suchen; öffentliche Wasserhähne gibt es hier überall. Dann statten wir dem Bahnhof des Petit Train Jaune einen Besuch ab, damit wir wissen, wo wir heute Abend hin müssen. Und dann suchen wir, das wichtigste eigentlich, einen Platz zum Frühstücken. Am Eingang der Schlucht gibt es einen großen Parkplatz, der auch einen Kiosk und vor allem einen Picknickplatz mit Bänken und Tischen hat. So komfortabel haben wir es bisher noch nicht gehabt! Tee und Müsli sind schnell zubereitet und verzehrt, und derart gut vorbereitet brechen wir in die Schlucht auf. Der Weg ist beschriftet mit Sentier de Vertige, das kann ja heiter werden. Der Weg verläuft östlich des Flusses, das heißt, der Fluß ist rechts von uns. Schon kurz nach dem Eingang geht der Weg durch eine Corniche, einen halboffenen Felstunnel. Wir sind uns nicht einig, ob das natürliche, durch Erosion entstandene Strukturen sind oder ob der Mensch nachgeholfen hat. Nach ein paar hundert Metern teilt sich der Weg, es gibt auch die Möglichkeit, den Fluß zu überqueren und auf der Westseite der Schlucht weiterzugehen. Wir bleiben auf der Ostseite, die jetzt am Morgen noch im Schatten liegt.

Der Eingang der Schlucht, mit einer Brücke für die Bahnstrecke des Petit Train Jaune.
Der Eingang der Schlucht, mit einer Brücke für die Bahnstrecke des Petit Train Jaune.
Ab jetzt geht der Weg steil bergan an der Flanke des Roc de la Madriu. Wir steigen fast 300 m auf, und Schattenseite hin oder her, es ist echt warm hier! Vom Fluß hört man nur noch das Rauschen, sehen kann man ihn nicht mehr, so weit ist er unter uns. Dafür haben wir einen hervorragenden Blick auf die gegenüberliegende Seite der Schlucht und den Verlauf des dortigen Weges, und ich finde: gut, dass wir auf dieser Seite sind! Bestimmt 50 Meter oder noch mehr senkrecht über der Talsohle verläuft der Weg dort auf Felsbändern und in Corniches, ohne Geländer, und nur teilweise mit einen Festhalteseil auf der Felsseite. Auf unserer Seite ist der Weg nur ab und an etwas ausgesetzt und an einzelnen Stellen mit Stahlseilen gesichert (die Definition von "ab und an" und "etwas" hängt sehr vom Betrachter ab). Ich bin sehr froh, als wir nach einem ebenso steilen Abstieg endlich wieder die Talsohle erreichen, wo die beiden Wege sich treffen – und auch die ganzen Touristen, die von beiden Seiten herbeiströmen. Zum Glück waren wir noch so früh dran, dass wir auf dem schmalen Pfad keinen Gegenverkehr hatten!

Blick auf den ausgesetzten Weg auf der Westseite der Carança-Schlucht. 2. Foto (c) Felix Brümmer.
Blick auf den ausgesetzten Weg auf der Westseite der Carança-Schlucht. 2. Foto (c) Felix Brümmer.
Blick auf den ausgesetzten Weg auf der Westseite der Carança-Schlucht. 2. Foto (c) Felix Brümmer.
Wir haben noch viel Zeit und gehen flußaufwärts weiter. Gerade als Felix, um mich zu beruhigen, versichert hat, dass es jetzt ein Ende hätte mit den Passerelles (den schmalen Stegen), kommt hinter der nächsten Flußbiegung eine wackelige Leiter in Sicht, und der Weg verläuft dann erst mal auf einem ebenso wackeligen Steg ohne Geländer meterhoch über dem Fluß. Naja, man gewöhnt sich an alles, auch an die Hängebrücke, von der man über eine nicht am Boden befestigten Leiter, die also mit schwankt, wieder herunter klettern muß. Wer seinen Fuß zur falschen Zeit unter die Leiter stellt – Plattfuß!

Keine weiteren Paserelles...
Keine weiteren Paserelles...
Geländer sind überbewertet. Foto (c) Felix Brümmer.
Geländer sind überbewertet. Foto (c) Felix Brümmer.

Als die Schlucht breiter wird, wird auch der Weg besser, es sieht sogar so aus, als ob es hier mal einen befestigten Bahndamm oder Fahrweg gegeben hätte. Für die Mittagspause, drei Stunden nach dem Aufbruch, suchen wir uns eine schöne Stelle am Fluß, mit etwas Sonne, gut zum Baden, ohne andere Touristen und ohne Stiere – gar nicht so einfach. Vincent und Felix hüpfen gleich mal ins Wasser. Der Käse wird und wird nicht alle. Ein Stündchen später machen wir uns auf den Rückweg. Ich weigere mich, den ausgesetzten Weg mit den Corniches zu gehen, da wir nicht genug Zeit haben, um umzukehren, falls ich an einer Stelle nicht weiterkomme. Und Felix und Vincent wollen den dann auch nicht alleine gehen. Also gehen wir alle auf derselben Seite zurück, diesmal in der prallen Sonne. Aus dieser Richtung sind es nicht ganz so viele Höhenmeter, und komischerweise fühlt sich der Weg auch gar nicht mehr so ausgesetzt und absturzgefährdet an wie auf dem Hinweg. Einziger Wehmutstropfen: zusätzlich zu all den Blasen und Blessuren, die Vincent bereits hat, schneidet er sich an den spitzen Drähten eines Stahlseiles die Hand auf. Eine Amputation ist aber nicht nötig. Wir kommen flott voran und sind schon um 15 Uhr wieder in Thuès am Picknickplatz. Reichlich Zeit für Eis und kaltes Lustigwasser vom Kiosk. Eine Bank im Schatten ist noch frei!

Ankunft am Ziel – Picknickplatz in Thuès-Entre-Valls. Gewitter im Anzug.
Ankunft am Ziel – Picknickplatz in Thuès-Entre-Valls. Gewitter im Anzug.
Ankunft am Ziel – Picknickplatz in Thuès-Entre-Valls. Gewitter im Anzug.
Wie gestern zieht jetzt von Nordwesten her ein Gewitter auf. Gerade rechtzeitig, bevor der Regen einsetzt, ziehen wir von dem gemütlichen Plätzchen um in das Wartehäuschen am Bahnhof. Und was passiert? Vincent wird von einer der Wespen gestochen, die im Dach des Häuschens wohnen! Er hat diesmal wirklich Pech. Hier warten wir auf den Petit Train Jaune, der uns wieder nach Villefranche-de-Conflent bringen soll. Reservierung hin oder her, der Zug ist rappelvoll, und da die Leute aus dem offenen Aussichtswagen wegen des Regens auch lieber drinnen sitzen wollen, können wir froh sein, überhaupt noch einen Sitzplatz zu bekommen. Einer mit Atemluft wäre noch besser gewesen, aber glücklicherweise kann man zwischendurch mal raus auf die Plattform am Wagenende. Es ist spektakulär, wie sich die Schmalspurbahn (Spurweite 1.000 mm) durch die enge Schlucht schlängelt. Leider blockieren erschöpfte Touristen, die lieber lesen oder mit ihren Handys spielen statt rauszugucken, die Fensterplätze.

Der Petit Train Jaune.
Der Petit Train Jaune.
Der Petit Train Jaune.
Ab Villefranche-de-Conflent fahren wir mit dem Schienenersatzverkehr Richtung Perpignan. Der Busfahrer weist Vincent darauf hin, dass sein Piratentuch im Fall einer Kontrolle nicht als Maske zählt und das dann 130 Euro Strafe kostet – während er selber gar keine Maske auf hat. Wir sind lange Zeit die einzigen Fahrgäste in dem riesigen Bus, können ganz vorne sitzen und nochmal auf das Canigou-Massiv zurückblicken. In Ille-sur-Têt steigen wir in einen Zug um, der von außen extrem heruntergekommen und von innen recht gemütlich aussieht. In Perpignan müssen wir dann nochmal umsteigen, und da stellt sich raus, dass der Zug, in dem wir sitzen, nicht nur nach Montpellier fährt, sondern auch in Baillargues hält, was so verkehrsgünstig liegt, dass Anja und Lia uns dort abholen können. Dadurch sparen wir uns fast eine Stunde Straßenbahnfahrt und sind noch vor 22 Uhr zuhause. Noch schnell die Energiereserven mit den vorbereiteten Nudeln und der leckeren Hacksauce auffüllen. Das weiche Bett haben wir uns redlich verdient.

Rückblick auf das Massiv des Canigou.
Rückblick auf das Massiv des Canigou.
Tja, und das war's dann auch schon wieder mit dem Wandern! Den nächsten Tag verbringen wir am Strand und in der Saline des Aigues-Mortes, und am Tag darauf geht's dann für mich schon wieder zurück. Schön war's! Auch wenn es sehr anstrengend war mit den vielen Höhenmetern und vor allem an den ausgesetzten Graten, ich würde das sofort wieder machen! Und wir werden weitermachen, denn die Pyrenäen sind schließlich noch lange nicht durchquert.
In den Salines von Aigues-Mortes.
In den Salines von Aigues-Mortes.